saalDer Saal
Die Kegelbahn im Keller
Warum Dorfgaststätten ihre Kegelbahn in den Keller bauten: neun Kegel statt zehn, der Kegelclub als Verein und eine Spur, die älter ist als der Festsaal.
Geschrieben von Henning Voss · korrigiert von Wiebke Dralle · · 4 Min.

Eine Kegelbahn im Keller war in vielen Dorfgaststätten Westfalens keine Kuriosität, sondern die naheliegende Lösung: ein langer, schmaler, kühler Raum, der im Sommer leer stand und im Winter genau die richtige Form für eine Bahn hatte. Über ein Jahrhundert lang gehörte das Kegeln zum Vereinsleben, das sich zwischen Saal, Theke und eben diesem Keller abspielte, und die Bahn war oft der einzige Raum des Hauses, der nur einem einzigen Zweck diente.
Warum ausgerechnet der Keller
Ein Kellerraum bot, was eine Kegelbahn brauchte, ohne dass man dafür bauen musste: eine feste, ebene Sohle, dicke Wände, die den Lärm hielten, und eine Länge, die ein Wohnhaus selten frei hatte. Wo eine Dorfgaststätte ohnehin Lagerkeller besaß, für Fässer, Vorräte oder, wie in manchen Häusern, für eine eigene Räucherei, lag es nahe, einen davon zur Bahn umzubauen. Der Keller war der einzige Teil des Hauses, der lang genug und billig genug zu verlängern war, um eine Bahn von ernsthafter Länge zu tragen.
Neun Kegel, nicht zehn
Wer heute an Kegeln denkt, denkt oft an Bowling, und verwechselt damit zwei verschiedene Sportarten. Das klassische deutsche Kegeln spielt mit neun Kegeln, nicht mit zehn, und die Bahnen selbst unterscheiden sich je nach Landschaft: die asphaltierte Bahn ist etwa 19,5 Meter lang und 1,5 Meter breit und war vor allem in Süddeutschland verbreitet, während die Bohlenbahn aus Holz oder Kunststoff mit rund 23,5 Metern deutlich länger, aber mit etwa 0,35 Metern viel schmaler gebaut wurde und vor allem in Norddeutschland, aber auch in Teilen Westfalens verbreitet ist. Diese schmale, lange Form war genau das, was ein Kellergang unter einer Dorfgaststätte hergab, ohne dass ein Architekt dafür gebraucht wurde.
Älter als jeder Verein
Das Spiel selbst ist weit älter als die Vereine, die es später organisierten. Die älteste belegte Erwähnung des Kegelspiels in Deutschland stammt aus dem Jahr 1157 aus Rothenburg ob der Tauber, wo es bereits als verbreiteter Zeitvertreib beschrieben wird. Für das Jahr 1300 ist in Xanten am Niederrhein eine Kegelgilde belegt, deren Einnahmen dem Bau der Stiftskirche zugutekamen, ein früher Beleg dafür, wie ernst das Spiel genommen wurde. Bis ins 15. Jahrhundert besaß praktisch jede Gemeinde ihren eigenen Kegelplatz, oft im Freien, und Versuche der Obrigkeit, das Spiel zu verbieten, konnten seiner Beliebtheit wenig anhaben. Bis ins 18. Jahrhundert wurde ausschließlich im Freien gekegelt; erst danach wanderte das Spiel schrittweise von draußen nach drinnen, in die Säle und eben in die Keller der Gaststätten.
Der Verein, der die Bahn trug
Aus dem losen Zeitvertreib wurde im 19. Jahrhundert eine organisierte Vereinssache. 1884 bildete sich im Ruhrgebiet ein erster überregionaler Zusammenschluss von Kegelclubs, 1885 folgte in Dresden die Gründung des Zentralverbands deutscher Kegelklubs, der sich 1889 in Deutscher Keglerbund umbenannte. Seit 1891 trug er Deutsche Meisterschaften aus. Diese Organisation von oben veränderte das Spiel in den Dörfern kaum: Der Kegelclub blieb eine Runde von Nachbarn, Handwerkern oder Vereinskameraden, die sich an einem festen Abend in der Woche in der Gaststätte traf, und die Kellerbahn war die Infrastruktur, die diesen festen Abend erst möglich machte. Ein Haus mit eigener Bahn hatte einen Grund, dass derselbe Club jede Woche wiederkam, so verlässlich wie der Mittagstisch die Woche über und der Saal das Fest trug.
Was aus der Kellerbahn wurde
Die klassische Kellerbahn verschwand aus denselben Gründen, aus denen auch andere Einrichtungen der Dorfgaststätte verschwanden: der private Fernseher, die Mobilität der Freizeit, die Konkurrenz moderner Bowlingcenter mit zehn Kegeln statt neun. Was blieb, war in manchen Häusern die leere Bahn im Keller, ein Relikt, das niemand mehr abbaute, weil der Abbau mehr kostete als das Stehenlassen. Wo eine Bahn weiterlief, lief sie meist als das, was sie immer war: kein Sport für ein Publikum, sondern ein fester Termin für einen festen Kreis.
Was die Tafel notiert
Die Kegelbahn im Keller gehört zu den Einrichtungen, die eine Dorfgaststätte zu mehr machten als zu einem Ort des Essens und Trinkens: zu einem Ort mit einem eigenen wöchentlichen Rhythmus für einen bestimmten Kreis von Gästen, parallel zum Mittagstisch der Werktage und zum Saal der Feste. Wer von einer Kellerbahn liest, liest von einem Haus, das seinen Vereinen nicht nur einen Tisch, sondern einen eigenen Raum gab, und von einem Spiel, das Jahrhunderte vor dem ersten Verein schon im Dorf zu Hause war.


